Zurück vom Open Air Gränichen

Einmal mehr begeht die Nation ihren (ohnehin zweifelhaften) Feiertag in Absenz von Raketengedröhns und/oder gegrilltem Servelat. Doch ist's Wurscht, so richtig, denn uns zieht's dorthin, wo Gemeinschaft und Vielfalt in Absenz symmetrischer Kreuze zelebriert werden kann. 

Nicht unzufällig ein Ort lauter Gitarrenmusik mit permanent bemalten oder sonstwie verzierten Menschen. Das Open Air Gränichen steht seit Anbeginn für ein Gemix aus Hardcore, Punk, Metalcore und Rockvarianten, sprich Lärm, der sperrt, sowohl ideologisch als idealer Weise akkustisch. Im Folgenden bewegt uns, wie es zwei Metalheads widerfahren mag, die den seichten Szenesprung wagen. 

Einunddreissigster Juli 2026 (Fotos HIER)

Ortsunkundige suchen in Aarau - J.K. Rowlin lässt grüssen - erst mal Gleis 11, ab Gränichen Oberdorf dann kann zerschlissenen Jacken oder sonst so Ungewöhnlichem gefolgt werden. Des Festival findet auf dem Areal des Kieswerks Gränichen statt, ein Betrieb der Ortsbürgergemeinde mit beachtenswertem Status "Werk von regionaler Bedeutung". Der Einlass funktioniert tipptopp & bald schon schwappt Musik heran, doch bevor's ans redliche Berichterstatten geht, müssen Elektrolyte her sprich RabenBrau oder RabenBrau. Die erleichterte Auswahl zwischen a) Hell oder b) Dunkel hilft hitzebeeinträchtigten Geistern zumindest, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, siehe oben sowie weiter unten oder denk dir den Rest selbst.

Kurz darauf stehen wir vor der Sounderia-Bühne, wo EXORBITANT PRICES MUST DIMINISH ihre Message unters Volk grinden, derweil T.M. über die Bedeutung des Bandnamens sinniert resp. sich fragt, was eigentlich wäre, wenn diminish zu diminished oder wie es sich wenigstens anfühlte. EPMD hingegen demontieren den Jetztzustand und zerlegen sämtliche Zweifel an ein passables Nachher hochpräzise zu Kleinholz. Ein Hammerset!

Anschliessend geht's auf der Hauptbühne gleich weiter mit NGURU, die vorerst verhalten agieren, mit der Zeit aber an Sicherheit gewinnen. Ihr Gutelaune-SKA verführt erste Leute zu tanzenden Bewegungen, sprich Stimmung gestaltet sich prächtig... 😊 Über dem Gelände hängt Strohduft, der zur Duftmarke einjeden Open Airs gehört, darüber jener unerbittlich gleissender Sonnenball, was zumindest den RabenBrau-Umsatz (bei konstant annehmbaren Preisen) optimal zu steigern vermag.

Kaum haben Nguru sich verabschiedet, schlagen HATHORS auf der kleinen Bühne ihre ersten Akkorde an. Denn so läuft das hier: Letzter Klang hüben trifft first Song drüben sprich stetes Hin- und Her zwischen Klein- und Grossbühne. Das Winterthurer Trio spielt ein abwechslungsreich vielschichtiges Set, wobei Anleihen am Indiesound der Spätachtziger unschwer herauszuhören sind. Jedenfalls gilt ihr Album When The Sun Is Out / When Skies Are Grey als Anspieltipp und kann im Fall mehrmals gehört werden.

Ab dem späten Nachmittag scheinen die meisten Besucher*innen angepilgert zu sein, worauf Stimmung auf dem Gelände sich (bei bemerkenswert hohem Friedlichkeitsgrad) potentiert. T.M. testet zusesehends chaotischer werdende Circle Pits, derweil Endstufen synchron höher gedreht werden. Mehrheitlich fröhliche Gesichter füllen die Gränicher Kiesgrube: Tattoo-Eltern, Tattoo-Teenager, Tattoo-Sonstso, was natürlich zum Sound passt, der im Laufe der Stunden härter und schärfer wird.

DEEZ NUTS mit Monster-Smiley-Bühnenbild strahlen dazu noch mit der Sonne um die Wette, danach jedoch gestaltet sich das Festivalprogramm definitiv böser und martialischer. HALF ME zelebrieren auf der kleinen Bühne tödlichen Metalcore, wobei der Bassist mit stechenden Blicken und irren Gesten Faszination und (leichtes) Schaudern erzeugt. Ein cooles Set! Anschliessend geht das Publikum vor der Hauptbühne mit MADBALL kurzum mad, wobei die Amis glaubhaft beweisen, dass NYHC auch mit schütterem Haar noch wütend auf die Bretter geknallt werden kann. Eine Wucht!  

THE SUICIDE MACHINES feiern  den 30. Geburi ihres Kultalbums Destruction By Definition (1996), wobei Urgestein Jason Navarro einiges an Akrobatik leistet. Die Jungs aus Detroit performen gutgemeinten Antikapitalismus, ansonsten scheint mir das Ganze etwas bemüht. THE GHOST INSIDE knipsen wir artig, danach ist - soweit ich mich erinnern kann - Foodstand angesagt.

Zu den Klängen von HEAVEN SHALL BURN verabschieden wir uns endgültig für heute, in den Ohren noch immer Marcus Bischoffs Apell, trotz verratener Jugendideale irgendwie Coolmensch bleiben zu sollen, weil eh schon zu viele frustrierte Vollideoten die Erde bevölkern. So grinsen wir kurz darauf dem Bahnkontrolleur in ausgesuchter Coolness in die Bodycam, während er unsere Personalien eintippt. Er wirkt sogar erleichtert, dass sein müder Arbeitstag ein ebenso müdes Ende nehmen wird. WTF!!! 

Erster August 2026 (Fotos HIER)

Den Metal-Servelat vom Vormittag verpassen wir um Längen, weil wir unserem Gastgeber im schmucken Aarauer-Alstadt-BnB (wichtig: ohne AIR!) quasi auf den Leim gekrochen sind & uns mit einem furchtbar überteuerten Durschnitts-Zmorge gleich um die Ecke die Zeit zu vertreiben haben. Welches wir anschliessend mit Hopfensaft gründlich herunterspülen, bevor es auf und zurück nach Gränichen geht. Dort ergibt unsere (nicht repräsentative) Besucheranalyse, dass die meisten aus der Nachbarschaft stammen, im Sinne von: «Den Festival-Bändel zu Hause liegengelassen?» - «Kai Problem, I gang 'nä schnäll go hole»Dominik vom Gränicher Unterdorf erzählt uns, dass er auf dem Heimweg vom Rad gestürzt sei, was ihn jedoch nicht davon abhalte, heute wieder auf dem Gelände zu erscheinen, zudem der Verzicht auf das Ligaspiel des FC Aarau zusätzlich ins Gewicht falle. Wir nicken mitfühlend. Ein anderer (oer war's derselbe gewesen?) berichtet, in den letzten 30 Jahren kaum ein Festival ausgelassen zu haben, was in der Konstanz jede geführte Zweierbeziehung locker mal überrunde. Worauf wir ihm ein Bier spendieren, bevor das eine noch zum anderen führt. 

«Gräniche mögeder na?» dröhnen SICKRET nunmehr aus den Boxen und blasten mit einem satten Bass- und Drumteppich den Sonntag ein. Der Sound kommt uns heute lauter vor und trotz wenigen Wolken am Himmel will es nicht kühler werden. Die Lösung dazu lässt sich in Becher abfüllen: hell oder dunkel. Die Jungs aus Sursee stehen im Übrigen nicht zum ersten Mal auf der Gränichen Bühne, entsprechend treffen sie mit ihrem Nu-Metal-Rap-Core (oder so) den akkustischen Nerv des Publikums. 

Anschliessend geht's zu XOXO, die bereits die Sounderia beschallen. Scharfe Riffs lassen Metal-Herz höherschlagen, Schrägheit und Ausdruck jedoch verdankt die Truppe der charismatischen Frontfrau. Die zierliche Sängerin portiert Emotionen recht unverfälscht und kraftvoll. Den am m4music gewonnenen «Demo of the Year»-Award für den Song Razor Sharp Feathers ist verdient, finden wir. Was auch den Grund darstellt, weshalb die Zürcher am Greenfield Festival auftreten durften... und weniger, weil Organisator*innen sich im Alphabet vertan hatten, wie eine Mitbesucherin aus Mutschellen sich misstrauisch äusserte.

Jedenfalls geraten auch wir so allmählich in Fahrt und blicken dem Gig von AGNOSTIC FRONT mit (sentimentaler?) Erwartung entgegen. Die Band um Urgesteine Vinnie Stigma und Roger Miret (die müssen so um die 60 resp. 70 Jahre alt sein) liefert Performance aus einem Guss, während Riffs punktgenau ihr Ziel treffen, Rhythmen treiben, zudem die Artisten Spass zelebrieren. Das gnadenlose Tempo verlangt auch dem pogenden Publikum hohen Einsatz ab, doch trotz Ekstase wird keine*r über den Haufen gerannt. Kurzum ein weiterer Höhepunkt des Tages! Mit aufgeräumtem Punkrock bieten PULLEY ein weiteres Highlight. Wer an einem hitzigen Sonntagnachmittag irgendwo im Nirgendwo derart Freude daran hat, seine Gitarre zu quälen, hat verdammt noch malwas richtig gemacht im Leben!  

Wobei LESS THAN JAKE in Sachen Fröhlichkeit wenig nachstehen - oder Pulley gar übertrumpfen. Das eingespielte Team aus Florida hat die Show drauf, wobei zuweilen fast schon zu geschwätzig... Gemäss Ausführungen von Frontmann Chris DeMakes hat die Truppe einen miserablen Auftritt vom Vorabend zu verarbeiten, doch verzeihen wir ihnen das anscheinend notwendige Debriefing, zumal sie ansonsten ein Paket an Originalität und Drive zu bieten haben. Und wem es gelingt, den hüpfenden Posaunisten gesamtheitlich auf ein Foto zu kriegen, hat Glück... 😊

Für uns findet Gränichen mit dem Auftritt von BAD COP BAD COP sein Ende. Anstelle vom Morgenrot-Gesäusel wird unter Anleitung von Gitarristin Stacey Dee kräftiger Polit-Punkrock serviert. So muss 1.August sich anhören! Die Stimmung ist fantastisch, während die Frauen aus Südkalifornien unglaubliche Präsenz und Power an den Abend legen. Was sie wütend ins Mikrofon schreien, geht durch Seele und Leib. 

Danach ist Schluss für uns, Kameras werden eingepackt und am Bahnhof brav Schweizerisch ein Ticket gelöst, dafür der Selecta Automat mit Verachtung gestraft. Man muss schliesslich Prioritäten setzen. Im Zug werden wir in Gespräche zu jenen oder anderen Bands verwickelt, wovon ich nicht viel mitkriege oder aber deren Namen kaum kenne.

Fazit?

Im Rückblick erlebten wir zwei totalentspannte Tage bei guter Musik, RabenBrau und einer altersdurchmischten Menschengruppe, die sowohl nett als kommunikativ entgegenkommend war. Letzteres ein Gegensatz zur tendenziell introvertierten Metalgemeinschaft, deren Nähe wir ansonsten suchen. Dass wir auch nächstes Jahr dabei sein werden, scheint jedenfalls gesetzt. Ob C.S. sich bis dahin SKA reinzieht oder Fröhlich-Punk? Eher nicht. Dann: Dass ein Non Profit-Dorffest dieser besonderen Art sich nur realisieren lässt, wenn einer kleine Armee freiwilliger Helferinnen und Helfern grossmütig ihre Freizeit verschenkt, ist klar. Dass Abfall selbst in Konfettigrösse aufgepickt wird, kaum hat er den Boden berührt, ist dann wieder eigene Liga. 

Herzlichen Dank an alle Helfer*innen, organisatorisch Tätigen und sonstwie Beteiligten!!!


Text: T. Maag & C. Sturzenegger


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Fotos

Hathors

Deez Nuts

Madball

The Ghost Inside

Exorbitant Prices Must Diminish

Nguru

Half Me

The Suicide Machines

Heaven Shall Burn