Wer fühlen will, muss auf Maynard hören: Jehnny Beth und A Perfect Circle

Normies, machen das Peace-Zeichen statt Horns... Bild von: Tomi Metalić

Zürich, ein heisser Juniabend. Eine Hitzewelle wurde angekündigt noch bevor der Sommer meteorologisch begonnen hat, die Temperaturen in Oerlikon steigen. Wegen Fahrleitungsstörungen komme ich verspätet an, wegen der Wohnungskrise kommt der offizielle Heavymetal.ch-Fotograf gar nicht: Betroffen von einer Massenkündigung in seiner Siedlung organisiert er Widerstand, so bleibt der Abend nicht nur wegen dem angekündigten Smartphone-Fötteli-Verbot weitgehend frei von Bildern.

We have been summoned und wollen Maynard J. Keenan Himself, den Vokalisten von Tool, A Perfect Circle und Puscifer, singen hören: Wir, das sind, den vielen Bandshirts mit dem zweitdeutigen englischen Schlüssel nach zu urteilen, sehr viele TOOL-Fans, neben noch zahlreicheren Non-Metalhead-Normies. Ich bin eine davon, komme mit viel Lust auf Maynards Stimme sowie halb ernst gemeinten Vorurteilen: A Perfect Circle, das ist TOOL light! TOOL mit einem Schleudergang weniger und umso mehr Weichspüler! Obwohl der Vergleich sich immer wieder aufdrängt, haben APC selbstverständlich ihren ganz eigenen Sound.

Das gilt auch für die Opening-Act-Klangwelt in der ich lande als ich die angenehm kühle Halle 622 betrete: JEHNNY BETH, ihres Zeichens ehemaliger Frontmensch bei den SAVAGES, beschallt uns mit einem festen «Heeeeo!» plus treibendem Beat. Schnell stopfe ich meine Ohren mit Stöpseln, bin geneigt, Christians Devise vom Dark Easter Metal Meeting zu folgen und den notorisch schlechten Soundmix der besagten Halle nicht weiter zu kommentieren. Nur geneigt, denn im Anschluss schüttelt ein Sound wie von einer Gröbstblattsäge die Wände. An Jehnny liegt’s nicht. Anyway, jaulenden Sprechgesang hört man nicht alle Konzertabende.

Mit dem Publikum fest im Blick und einem schnittigen Blazer auf den Schultern spricht sie: «I am Jehnny Beth, this Song is called ‘Obsession'». Es folgt ein sanfter Einstieg, wohl trügerisch. Der Trommler schmettert energiegeladen auf die Häute. Es prangt in ähnlicher Schriftart wie auf der Bekleidung von Sicherheitspersonal das Wort «Insecurity» auf seinem Shirt. Ich schmunzle misstrauisch, blicke zu den Security-Angestellten am Rand. Kein Zweifel, sie werden ungehorsame Telefonnutzende wie angekündigt rausschmeissen. Zurück bei der Band sehe ich: Der Drummer führt etwas im Schilde, Jehnny sowieso. Tatsächlich: Auf den langsamen Aufbau folgt ein energischer Ausbruch. Nach dem soeben entfachten Punk-Sturm kehrt wieder Ruhe ein. Der Gitarrist beschwört mit der einen Hand Jehnnys Gesang, während er mit der anderen an den Saiten zupft. Musizierend sind sie gleichzeitig Tänzer und Tänzerin, schelmisch hypnotisieren sie mit ihrer Performance, voluminös, selbstbewusst, yeah, baby, that’s rock 'n' roll!

Dramatisch wird die Bühne in rotes Licht getaucht, ebenso grellrot strahlt es aus einer Lampe am Ende von Beths Mikro. Ein schöner visueller Effekt, der ihren Gesang zusätzlich unterstreicht. Nicht, dass sie das nötig hätte; gespannt folgen wir ihrer lockeren Bühnenpräsenz während sie ins Publikum hinabsteigt.

Ich nehme das Bühnenbild in den Blick. Ein wutschwangeres Augenpaar in Schwarz-Weiss starrt zurück. Ein Ausschnitt aus dem «La Haine»-Plakat oder zumindest eine Hommage? Denkbar wäre es, Jehnny ist in meinem Alter und Französin, die Bildsprache des Kassowitzschen Ausländerkinder-Filmklassikers dürfte ihr bekannt sein. Auch wenn ich vermute, dass sie nicht in der Banlieue aufgewachsen ist. Gerne würde ich ein Foto machen oder das Filmposter googeln, aber Mommy Maynard hat Telefone nicht gern, ich riskiere auf keinen Fall, von der Security rausgeschmissen zu werden wegen einer random Faktenprüfung. Von vergangenen TOOL-Konzerten weiss ich, dass Maynard es ernst meint... Der Schock von damals sitzt mir noch in den Knochen.

Jehnny besingt uns von Nahem und thematisiert besagtes Handy-Verbot. Sie wisse darum und erlaube uns nun explizit, die Phones für den letzten Song hervorzuholen und medial zu nutzen. Soso, so streng nehmen sind wir also gar nicht? Ob sie sich tatsächlich den altgedienten Herren widersetzt oder es Teil der Show ist, den Fans als Zückerli zum Schluss einen Insta-Post zu gönnen, sei dahingestellt. An der Bar geben die Hallenmitarbeiter:innen viel Alkoholfreies heraus, ich warte einige Minuten mein 0.0%-Bier.  

Bevor APC loslegen, werden wir vier (!) Mal von einer streng klingenden Stimme darauf hingewiesen, dass Fotos «strictly» (!!) verboten seien. Auf Maynards Neurosen vorbereitet halte ich meine analogen Arbeitsutensilien für die Konzertreview bereit. Etwas genervt notiere ich: «Dude, wenn schon, dann macht es wie Ghost im Hallenstadion 2025 und sperrt unsere Phones weg. Das bedeutet Extraaufwand; einfacher ist es, uns Fans zu trollen mit Remindern ab Konserve». Werden wir, befreit vom Drang, etwas zu föttelen und zu posten, das Konzert intensiver erleben?

Auf dem Smartphone-Screen Notizen tippen ist nun definitiv verboten. Ich positioniere mich strategisch vorne rechts unter einem Exitschild, das genug zartgrünes Licht abwirft, damit ich sowohl das Schreibapier sehen als auch die Show erleben kann. 20h59: Ein erstes, zaghaftes Johlen vereinzelter Fans. 21h02: Einige schauen nervös auf ihre Uhren; es ist Donnerstag, wir müssen morgen früh raus! Ein Konzertbesuch unter der Woche muss gut begründet sein. Maynard live singen hören ist allemal ein Grund. 21h04: Ein bekanntes Dröhnen, wieder ab Konserve. Black Sabbath läuten die Zeremonie ein mit «War Pigs».

«The Package» erklingt. Einige um mich herum wirken etwas angespannt. Die Energie muss raus. Sind zu viele Normies im Publikum? Oder Gen X-er, die keine Moshpits (mehr) starten? Ein zuviel an, hüstel, gehobenen Musikfans, denen etwas moshen gut tun würde, nur wissen sie es nicht? Maynards Bands erzeugen kaum Pit-Action. Dafür erleuchtet uns ein schönes Bühnenbild mit hellen Stäben und -kreisen, letztere so perfekt rund, dass es fast irritiert. Nach dem Song bedankt sich Maynard und macht Zürich Komplimente. Das Paar neben mir wird unruhig (er wird später ab und an Lyricsfragmente mitbrüllen, derweil sie ins Leere starren wird, und ich mich wundern werde, was beide wohl konsumiert haben könnten).

Bevor wir in den Genuss von «The Doomed» kommen, werden wir an die erste Regel des APC-Club erinnert: «Phones in pockets!». Wird man uns mit einem Schlauch abgespritzen, wenn wir uns widersetzen? Im Geiste werde ich zu Buffalo Bill und blicke in den Brunnenschacht, hinab auf den Publikumshaufen: It puts the phone in the pocket or else it gets the hose again! Sound zunächst etwas dumpf. Maynard ersingt bei mir den ersten Hühnerhautmoment des Abends. Passend dazu wird es psychedelisch bunt auf dem Screen hinter der Band. Abrupt, brutal ist das Ende, effektvoll ausgedehnt nach der Schlusszeile: «You’re on your own».

Mit seinen hyperextensiven Gelenken macht Maynard, der oben in der Mitte thront, umgeben vom Bassisten vorne links, dem Drummer oben rechts und dem Gitarristen zuvorderst seine Gollum-Dance-Moves, worüber sich das Internet regelmässig herzhaft amüsiert. Mein Schmunzeln über die Meme-Realness wird in Ehrfurcht ertränkt als die Band «Weak and Powerless» anstimmt. Mir wird anders zu Mute. Maynard live singen hören – und sterben! Bei solch gutem Sound erst. Waren die Mischmenschen bei Jehnny Beth noch im Kampf, ist zu meiner freudigen Überraschung beim Hauptact die Soundlandschaft klar. Danke,!

Bei «Rose» schliesse ich die Augen, die Musik regnet bleischwere Blüten hinab. Endlich der TOOL-artige Druck, auf den ich warte: «I am. I will. So no longer. Will I lay down». Maynards unverkennbarer Gesangsstil. Rosenblätter erheben sich und wir mit ihnen, «I Rose», um sogleich zu fallen. Eine Stufe tiefer ins Unterbewusste drückt uns die Band mit «Orestes». Maynard singt: «I don’t want to feel this overwhelming hostility». Doch fühlt man sie manchmal, Wellen aus wirren Metaphern werfen uns in altgriechische Sagengefilde. Die maynardsche Interpretation universeller Mommy-Issues? Meine Laienpsychoanalyse von APC-Songlyrics wird unterbrochen vom Anblick eines sehr jungen Menschen, der von zwei Security rausbegleitet wird. Schuldbewusst gesenktes Haupt, Smartphone in der Hand. Yup. Das Handyverbot ist ernst gemeint. Eine dunkle Erinnerung, ein Flashback ins Hallenstadion, damals, war es 2019…?

Zurück im Hier und Jetzt folge ich den Instrumenten, picke den Gitarristen Billy Howerdell raus, dessen Körper wiederholt im Flow der Melodien mit der Gitarre verschmilzt. Ich drifte genüsslich ab – und werde von geschwätzigen Normies links von mir jäh rausgeholt. Könnt ihr hinten an der Bar eure Alltagsprobleme verhandeln? Einige von uns versuchen hier, Reviews zu schreiben und zwischendurch ihrer Millennial-Midlife-Crisis zu entfliehen, tammi nomal! An dieser Stelle folgt in meinen Notizen der Befindlichkeits-Rant eines elitären Metal-Heads, den ich den Lesenden freundlich erspare. Zu «Gravity» notiere ich nichts, muss tanzen. Düster, dunkel, dystopisch die darauf folgende «Imagine»-Version der Band. Wo John Lennon milde Hoffnung aufkeimen liess, mäht APC melancholisch alles nieder. Alles andere ist, mit Blick auf First World Climate Grief-Problems und globale Kriegstreiberei, unangebracht. Ich bin Teil des Problems. Wieviel Strom braucht so ein Metal-Konzert im Schnitt? Und die Festivals erst? Lalala, nicht darüber nachdenken. Das Leben ist voller Widersprüche. Spiral out. Keep going. 

«Talktalk» drückt auf die TOOL-Tube, es dämpft und walzt, und doch kommt keine Stimmung auf. «3 Libras» wird zu einer experimentellen Remix-Performance mit abgehackten Lyrics, interessant, hinterlässt eine angenehme Sehnsucht nach der Originalversion. «The Outsider» sorgt stimmungsmässig endlich für ein Highlight als nach mehr als einer Stunde (!), um 22:04 Uhr, das Publikum laut johlt. Endlich! Erfreut über diesen Aufschwung bin ich umso enttäuschter als eine Pause folgt. Die Band verlässt die Bühne und lässt uns via Powerpoint-Folie mit Timeranzeige wissen, wann es weiter geht. Der Maynardsche Humor? Ich erwarte fast, dass er die Bühne betritt und ein Stand-up-Comedy-Ständchen macht.

Normies beanspruchen meine Aufmerksamkeit mit dummen Fragen. «Schreibst du in dein Tagebuch?». Ich zähle die Powerpoint-Minuten. Nach der Pause treiben uns die präzise tätschenden Drumsticks wie Hirtenstöcke zusammen: «Counting Bodies Like Sheep to the Rhythm of the War Drums». Hell yeah! Sind es bei TOOL «Die Eier von Satan», die einen ähnlich wohlig erdrücken, wird man hier beim APC-Pendant in schwere Schafwolle und eine vage Erinnerung an den Irak-Krieg gehüllt. Lalala, die News bleiben draussen. «Blue» kommt vergleichsweise gar leichtkostig daher. Ist die Luft raus? Nicht bei allen. Einige wirken ergriffen. Kullern beim Menschen diagonal rechts von mir Tränen? I feel you, dude, ich nutze Maynards stimmliches Trostpflaster zur Emotionsregulation seit 1998. Ich war vor allem angetan vom Neuesten Song «Starless» und freue mich auf den Abschluss: Maynard lobt uns für unseren Phoneverzicht, sodass wir für «Judith» wir die Telefone für Fotozwecke zücken dürfen.

Ich verlasse die Halle und schreite hinaus in den ungewöhnlich warmen Abend, sende das soeben geknipste Bild dem verhinderten Fotografen mit der Info, dass ich an ihn gedacht habe während des Konzerts. An damals, als er am TOOL-Auftritt 2019 zu den Ungehorsamen gehörte und knallhart von der Security rausgenommen wurde. Er kaufte sich damals, knallhart, ein neues Ticket an der Abendkasse. Bei den Ticketpreisen heute wird das kaum jemand machen.

Lohnt sich dieses Durchsetzen? Wirkte es sich positiv auf die Stimmung aus? Konnten wir es mehr fühlen, weil wir zur Telefonfreiheit gezwungen wurden? Ich wage es zu bezweifeln. Für einen Donnerstag war es ganz nett, für ein Konzertpublikum, das aus Musikmenschen aus diversen Lebensecken und Szenen bestand, war die Stimmung okay. Wer Maynard dieses Jahr erneut singen hören will, dieses Mal an einem Sonntag: Puscifer spielen am 01.11.2026 im Komplex 457. 

For the record: Dieser Text wurde zu 100% von mir ohne Einsatz von LLM/KI-Tools erstellt. 


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